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Interview mit Designerin Alexandra Baum zu recyclebarer Hightech-Mode im deutschen Pavillon auf der EXPO Shanghai

Vom 1. Mai bis zum 31. Oktober 2010 findet die Weltausstellung Expo 2010 unter dem Motto „Eine bessere Stadt, ein besseres Leben“ statt und zeigen rund um fünf zentrale Themenpavillons ganz unterschiedliche Aspekte der städtischen Entwicklung. Deutschland ist mit einem eigenen 6.000 Quadratmeter großen Pavillon und dem Motto „Balancity – Die Stadt im Gleichgewicht“ vertreten. Der Name ist Programm, denn eine lebenswerte Umgebung lässt sich nur dann schaffen, wenn „Stadt und Natur“ im Einklang miteinander sind. Und da Mode etwas Alltägliches ist, beginnt das Thema Nachhaltigkeit bereits bei der Bekleidung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Konzept für das Outfit stammt von der Thüringer Designerin Alexandra Baum, die erstmals konsequent nachhaltige Hightech-Materialien verwendete.

Ein Gespräch mit Jens Haentzschel von greengrass media spricht die Erfurter Designerin über nachhaltige Mode und ihr Bekleidungskonzept für die EXPO 2010 in Shanghai.

Alexandra Baum
Foto: Alexandra Baum mit Modellen im Hintergrund / © Lutz Edelhoff

Die EXPO Shanghai ruft und Thüringen schickt eine Gartenbank, einen Gartenzwerg, viele Prospekte und als wichtigsten Import Ihre Bekleidungsideen, die der Welt zeigen sollen, was möglich ist. Wie innovativ ist Ihr Konzept?

Alexandra Baum: Ich beschäftige mich seit vielen Jahren schon mit innovativen Stoffen und zukunftsweisenden Technologien. Das Bewusstsein für nachhaltige Mode und Ökologie wird sicher als wichtiger Bestandteil der EXPO viele Menschen ansprechen. Ich will zeigen, was in einigen Jahren vielleicht auch in unserem Kleiderschrank ganz normal ist.

Das war vor einigen Jahren noch nicht denkbar. Wie kam dieser Auftrag zustande?

Alexandra Baum: Ende 2007 erhielt ich einen Anruf von einem Architekturbüro, mit denen ich mal zusammen gearbeitet habe. Die hatten gerade die Ausschreibung der Bundesrepublik für den deutschen Pavillon auf dem Tisch. Weil auch die Bekleidung darin eine Rolle spielte und Architekten mit diesem Aspekt wenig zu tun haben, fragten sie mich, ob ich mich nicht mit einem Konzept beteiligen will.

Also, gesagt, getan. Mit entsprechendem Erfolg?

Alexandra Baum: So einfach war es nicht. Denn die Juroren entschieden sich für den Pavillonentwurf eines anderen Architekturbüros. Damit war mein Traum von der EXPO eigentlich ausgeträumt, aber weil meine Konzeption und letztlich der Ansatz der Nachhaltigkeit so überzeugend war, wurde unser Bekleidungskonzept in das neue Architekturkonzept integriert.

Und das war so einfach möglich?

Alexandra Baum: Es war ein Miteinander, ein Prozess, aber in erster Linie waren die Projektverantwortlichen, die koelnmesse, froh darüber, dass sie das Thema Kleidung vom Tisch hatten, denn wir bekamen den Generalauftrag für die Kleidung. Es dauerte noch anderthalb Jahre, bis aus der Idee eine konkrete Planung wurde. Mir ging es darum, dass das Konzept von nachhaltigen und recyclebaren Stoffen übernommen wird. Das Design war auch wichtig, aber uns war auch klar, dass hierbei viele Leute mitreden würden.

Wie hat sich dann dieses Design verändert?

Alexandra Baum: Was blieb war das Farbkonzept. Grell sollte es sein, damit die Hostessen und Hosts in dem deutschen Pavillon den Besuchern auffallen. Es konnte aus unserer Sicht ein frisches Grün sein, was vom Thema her passt. Und es könnte auch Rot sein. Am Ende wurde es ein Orange-Rot. Was auch blieb war eine kleine Borte mit dem Logo. Anfangs habe ich anfangs ein wenig mit Elementen einer Tracht gespielt, mit Schulterklappen, aber die fielen dann weg und es wurde schlichter. Uns wurde bei den vielen Vorgesprächen klar, wie viele Aspekte Beachtung finden müssen, um in das Gesamtkonzept und natürlich das Budget zu passen.

Welche Aspekte waren das zum Beispiel?

Alexandra Baum: Es ging darum, wen man vor Ort einkleidet. Wer trägt die Outfits? Sind es gecastete Personen, die die Größe 36 oder 38 bei den Damen tragen? Oder ist es eine schlanke 48 bei den Herren? Nach vielen Überlegungen war klar, dass ein ganz anderer Aspekt viel wichtiger war. Die Leute vor Ort müssen drei Sprachen sprechen, nämlich Chinesisch, Deutsch und Englisch. Da ging es nicht um ein Casting, wie man es sonst von Messen her kennt. Kleidergrößen zum Beispiel wurden zu einem untergeordneten Aspekt.

D.h. es sind vor Ort keine Models, sondern ganz normale Menschen. Haben Sie die Personen je gesehen?

Alexandra Baum: Nein, leider nicht. Ich habe die Leute nie gesehen, die es tragen werden. Ich habe ihre Maße gehabt und Fotos, aber das ist nicht dasselbe, wie wenn man die Leute vermisst. Das war ein kleiner Wermutstropfen für mich. Ursprünglich sollten 3D-Bodyscanner eingesetzt werden, das ging aber aus finanziellen Gründen nicht. Die über 230 Mitarbeiter hätten ja alle anreisen müssen und der Aufwand wäre riesig gewesen.

Wie umfangreich ist das Outfit für die Hostessen?

Alexandra Baum: Die Herren erhalten eine Jacke, zwei Hosen, drei Shirts. Frauen zusätzlich einen Rock sowie ein Kleid. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Eingriffstaschen schnell ausleiern, also haben wir darauf verzichtet. Die Menschen verstauen sonst ihren ganzen Haushalt in den Taschen. Nun gibt es noch eine Gürteltasche und natürlich einheitliche Mützen, denn es wird zirkulierende Schichten geben. Jeder ist überall und in China wird es im Sommer sehr heiß. Schuhe gibt es auch noch, die bestehen aus pflanzlich gegerbtem Leder und Korksohlen.

Was man auf den Fotos nicht sieht, das ist, was sich im Stoff versteckt. Es sieht zuerst ganz normal aus?

Alexandra Baum: Also, Ökoklamotten sieht man das natürlich nicht an, was in ihnen steckt. Dass ist ein Thema, das wir immer haben. Du siehst kein Gift in Bekleidungsstücken, aber auch nicht die ökologische Besonderheit. Aber auch bei einem Apfel ist das so. Wir hätten natürlich jedes Kleidungsstück mit LED-Birnen ausstatten können, aber es ging um Nachhaltigkeit, darum, was Deutschland in Sachen Nachhaltigkeit in vielen Bereichen leisten kann. Man sieht es der Kleidung nicht an, deshalb müssen wir immer wieder darüber reden. Und das werden auch die Hostessen und Hosts vor Ort. Es gab spezielle Schulungen, denn sie müssen wissen, wie ihre Kleidung funktioniert, falls sie jemand fragt.

Die Bekleidung ist kompostierbar bzw. recyclingfähig. Hatten Sie damit schon Erfahrungen?

Alexandra Baum: Ich hatte mich vor acht Jahren bei meinem Diplom mit dem Thema beschäftigt, damals noch mehr eine Vision, aber in den letzten Jahren hat sich viel getan. Das kompostierbare Shirt ist nun Realität. Wir können das jetzt auch nur nutzen, weil es die Entwicklung von EPEA Internationale Umweltforschung GmbH mit dem Shirthersteller Trigema gegeben hat. Wir hätten unmöglich selbst so ein Shirt in einem halben Jahr für die EXPO entwickeln können. Die Bekleidung ist ja eine Art Patchwork ganz verschiedener Partner, die mit mir gearbeitet haben. Wir wollten zeigen, was in Deutschland auf diesem Gebiet bereits möglich ist.

Einer der Partner ist mit Trigema eine Marke, die sicher auch hängen geblieben ist, weil es ein sehr deutsches Unternehmen ist. War es eine schwere Zusammenarbeit?

Alexandra Baum: Überhaupt nicht. Es waren Gespräche und Verhandlungen auf Augenhöhe. Nun hatte ich auch den Generalauftrag und war quasi ein Einkäufer. Das ist ein anderes Auftreten, als wenn ich dort anklopfe und mal was Neues vorstellen will. Ich glaube, Wolfgang Grupp, der Geschäftsführer von Trigema, war eher über die Menge von 800 Shirts überrascht als über die Veranstaltung EXPO.

Und die Marke EXPO spielte keine Rolle?

Alexandra Baum: Anfangs nicht. Bei persönlichen Gesprächen wurde es deutlicher, dass es auch eine tolle Chance ist. Als dann noch die Innenarchitekten des deutschen Pavillons anfragten, ob die Shirts in verschiedenen Stadien der Kompostierung ausstellbar wären, da hat es dann wirklich Klick gemacht. Das war dann der Ritterschlag für Trigema. Es ging aber nicht darum, etwas gemeinsam zu entwickeln, sondern ich habe die Firma als Lieferanten gesehen. Sie haben unser Shirtdesign mit ihren Stoffen und Know-how umgesetzt, ganz exklusiv für die EXPO.

War Wolfgang Grupp beeindruckt von Ihren Konzepten?

Alexandra Baum: Ich glaube, durch den Kontakt hat sich etwas entwickelt. Er wäre sicher nicht von sich aus auf mich zugegangen, denn bis dato war das Kleidungskonzept ja nicht bekannt. Sein Credo ist: „Das können wir alles gerne machen, aber wir sind Hersteller von Shirts und müssen damit Geld verdienen.“ Ich denke, dass die Firma Trigema sich noch gar nicht bewusst ist, was für einen Schatz sie mit so einem Shirt in den Händen hält. Ich sehe dort ein riesiges Potential, mit denen auch an der Fortentwicklung weiterzuarbeiten.

Was für Erkenntnis haben Sie mitgenommen für Textilien der Zukunft?

Alexandra Baum: Es gibt schon einige kleine Labels im Mode- oder Sportmarkt, die solche Stoffe verwenden. Die kann man seinem Händler zurückbringen, wenn man sie nicht mehr tragen mag. Der Händler schickt sie wiederum dem Produzenten. Durch das chemische Recycling wäre es ein neuer Stoff. Das wird schon die Zukunft sein. Auch biologisch abbaubarer Sandaletten gibt es schon in Österreich. Es wird sich immer mehr manifestieren, aber im Moment ist die geringe Menge noch eine Schwierigkeit. Das spiegelt sich dann im Preis wider. Die, die sich an das Thema herantrauen, sind in der Regel nicht die großen Firmen. Die halten sich solange zurück, bis es ein großes Business wird. Es ist nach wie vor ein sehr komplexes Thema, denn nur Biobaumwolle allein macht noch kein Ökoshirt. Es hängen so viele Prozesse und Arbeitsschritte an einem einzelnen Kleidungsstück, dass die Industrie sehr genau hinschauen müsste. Angesichts der globalen Arbeitsteilung gerade in der Textilindustrie ist das schwierig und vor allem langwierig. Genau an dieser Stelle sehe ich die Schwierigkeit für eine Branche wie die Bekleidungsindustrie mit ihren kurzlebigen Denkweisen.

Bleiben wir bei dem Blick in die Zukunft. Ist das Wort „Nachhaltigkeit“ nicht etwas überstrapaziert?

Alexandra Baum: Man kann es nicht mehr hören, stimmt, aber es gibt wenige Alternativen. Ich mag diesen Begriff auch nicht, denn man kann alles und nichts damit transportieren. Kreislauffähig klingt sperrig, aber es ist sicher das Wort, was wir anstreben sollten. Wir müssen Produkte schaffen, die intelligent sind. Nicht weil sie leuchten oder atmungsaktiv sind, sondern weil sie keinen Müll erzeugen, weil sie kreislauffähig sind. Wir reden beim Modemarkt über einen sehr schnelllebigen Markt. Warum muss ich ein T-Shirt konzipieren, was fünf Jahre hält. Es reicht doch, wenn ich ein Bekleidungsstück kaufen kann, das nur ein Jahr hält, dann gehen die Farben von alleine raus, niemand wird gesundheitlich beeinträchtigt, nichts passiert. Solche Ansätze wie das Shirt von Trigema zeigen ja, dass es im kleinen Maßstab möglich ist

Die EXPO wird so eine große Chance auch für Ihre innovativen Konzepte. Was kommt danach?

Alexandra Baum: Es ist toll zu erleben, wenn aus der Idee einer Diplomarbeit Realität wird. Auch noch so eine große, denn die World EXPO findet nur alle zehn Jahre in dieser Größe und mit erwarteten 3,5 Millionen Besuchern statt. Für die Hostessen und Hosts vor Ort wünsche ich mir, dass die Kleidung funktioniert, dass sie sich wohl fühlen. Für mich wäre es schön, wenn sich die Textilindustrie animiert fühlt, sich wirklich einmal tiefgründig mit dem Thema auseinanderzusetzen, abseits aller Trends. Ich glaube, viele Firmen wollen Produkte in den Markt implementieren, es fehlt aber noch an einem wirklich konsequenten Ansatz. Die Zeit der Öko-Romantik ist vorbei, das muss sich natürlich auch rechnen, und das setzt voraus, dass es auch verkauft wird. Wir reden bei der Ökologie und Nachhaltigkeit nicht über eine Eintagsfliege. Ich hoffe, die Industrie zeigt sich interessiert. Wir stehen Fragen und Diskussionen offen gegenüber.

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